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Autonome vs. assistive Agents

Nicht jeder AI Agent muss vollautonom agieren. Die richtige Autonomie-Stufe zu wählen, ist eine der wichtigsten Architektur-Entscheidungen — und hat direkte Auswirkungen auf Risiko, Kosten und Akzeptanz.

Die 5 Autonomie-Stufen

StufeBezeichnungBeschreibungBeispiel
1InformierendAgent liefert Informationen, Mensch entscheidet und handeltRecherche-Assistent
2VorschlagendAgent empfiehlt Aktionen, Mensch bestätigtE-Mail-Entwurfs-Agent
3DelegierendAgent handelt, aber Mensch kann jederzeit eingreifenTermin-Scheduling-Agent
4Autonom mit OversightAgent handelt eigenständig, meldet ErgebnisseDaten-Monitoring-Agent
5VollautonomAgent handelt ohne menschliche InterventionAlgorithmischer Trading-Agent

Entscheidungsfreiheit richtig dosieren

Die Autonomie-Stufe hängt von drei Faktoren ab:

1. Reversibilität

  • Hoch reversibel (Stufe 3–5 möglich): E-Mail-Entwurf, Kalender-Eintrag, Report-Erstellung
  • Schwer reversibel (max. Stufe 2–3): Vertragsversand, Bestellung, Personalentscheidung
  • Irreversibel (max. Stufe 1–2): Löschung von Daten, Finanztransaktionen, rechtliche Erklärungen

2. Fehlerkosten

Was kostet ein Fehler? Je höher die potenziellen Kosten, desto niedriger sollte die Autonomie-Stufe sein:

  • Niedrig: Falsche Meeting-Zusammenfassung → Stufe 4–5 OK
  • Mittel: Falscher Preis im Angebot → max. Stufe 3
  • Hoch: Fehlerhafte Compliance-Einschätzung → max. Stufe 1–2

3. Vorhersagbarkeit

  • Strukturierte Aufgaben (klare Regeln, wenig Varianz): Höhere Autonomie möglich
  • Unstrukturierte Aufgaben (viel Kontext, Ermessensspielraum): Niedrigere Autonomie empfohlen

Risiken hoher Autonomie

Höhere Autonomie bringt spezifische Risiken:

  • Halluzinationen in Aktionen: Der Agent handelt auf Basis falscher Informationen.
  • Goal Drift: Der Agent optimiert für ein Ziel, das sich vom ursprünglichen Zweck entfernt hat.
  • Kaskadenfehler: Ein Fehler in Schritt 1 wird durch autonome Folgeschritte verstärkt.
  • Verantwortungslücke: Wer haftet, wenn ein autonomer Agent einen Fehler macht?
  • Kontrollverlust: Ab Stufe 4 ist menschliche Intervention zeitkritisch.

Praxis-Empfehlung: Schrittweise hochfahren

Starten Sie jedes Agent-Projekt auf Stufe 2 (vorschlagend):

  1. Woche 1–4: Agent arbeitet auf Stufe 2 — alle Vorschläge werden manuell geprüft
  2. Monat 2–3: Daten sammeln — Wie oft sind die Vorschläge korrekt? Wo sind die Fehler?
  3. Ab Monat 4: Schrittweise auf Stufe 3 erhöhen — aber nur für validierte Teilbereiche
  4. Stufe 4–5: Nur wenn Fehlerquote unter 1 % liegt und Monitoring aktiv ist

Merke: Autonomie ist kein Feature, das man einschaltet. Es ist ein Vertrauenslevel, das man sich verdient.